CPLOL-Kongress, Berlin 2006

 

Eva-Kristina Salameh, Speech and Language Pathologist, PhD (Medizin), Universitätsklinikum MAS, Malmö (Schweden). E-Mail: evakristinasalameh@gmail.com

 

Der Einfluss sprachlicher und kultureller Faktoren bei der Diagnostik und Therapie bilingualer sprachgestörter Kinder

 

Unabhängig davon, ob ein Kind, bei dem ein Verdacht auf eine Sprachentwicklungsstörung (SES) besteht, mono- oder bilingual ist, stellen sich die gleichen klinischen Fragen:

 

Um sich mit diesen Aspekten zu befassen, muss der/die Sprachtherapeut/-in (Speech and Language Clinician, SLC) mit dem Thema Sprachentwicklungsstörungen bei bilingualen Kindern vertraut sein. Um zu untersuchen, ob es Unterschiede zwischen bilingualen und monolingualen Kindern gibt, wurde an der Universität Lund von 1999 bis 2003 das Projekt Language impairment in Swedish bilingual children (SES bei schwedischen bilingualen Kindern) durchgeführt. Das Projekt war in zwei Teile unterteilt; ein Teil untersuchte mögliche epidemiologische Unterschiede, während der linguistische Teil sich mit linguistischen Aspekten mit dem Schwerpunktthema Beurteilung befasste.

Zum Vergleich einer Reihe von Variablen bezüglich Überweisung, Beurteilung und Behandlung wurden epidemiologische Daten von 192 bilingualen und 246 monolingualen Kindern verwendet (Salameh, Nettelbladt, Håkansson & Gullberg 2002). Bei bilingualen Kindern bestand ein signifikant höheres Risiko, erst im Alter von über 5 Jahren überwiesen zu werden; dies gilt auch für den Widerstand der betreffenden Eltern gegen eine Erstuntersuchung. Bei der Beurteilung lag die Prävalenzrate bei bilingualen Kindern niedriger, allerdings wurden bei diesen Kindern erheblich häufiger als bei monolingualen Kindern schwere Sprachentwicklungsstörungen diagnostiziert. Als ebenfalls erheblich höher erwies sich bei bilingualen Kindern das Risiko, wegen Nicht-Erscheinens von der Therapie ausgeschlossen zu werden, wobei das Risiko sich mit zunehmender Schwere der SES erhöhte. Als Konsequenz wurde in Zusammenarbeit mit schwedischen Kinderkliniken (Child Health Clinics, CHC) ein Projekt gegründet, dessen Ziel es ist, die Ablehnung der Eltern gegenüber einer Erstbeurteilung zu minimieren. In ethnisch gemischten Gebieten wird bei der Überweisung von Kindern mit Verdacht auf SES inzwischen eine Logopädin / ein Logopäde hinzugezogen, welche/-r die Eltern informiert, warum das Kind überwiesen wird und was sie erwartet. Da die Verweigerungszahlen hierdurch beträchtlich gesenkt haben, wird das Projekt nun dauerhaft fortgesetzt.

Eine weitere epidemiologische Studie untersuchte mittels multipler Regression die Daten von 252 bilingualen und 446 monolingualen Kindern; das Ergebnis zeigte, dass das Risiko einer schweren Sprachentwicklungsstörung bei bilingualen Kindern im Vergleich zu monolingualen Kindern durch bestimmte Faktoren erhöht werden kann (Salameh, Nettelbladt & Gullberg 2002). Die meisten Risikofaktoren schienen im Hinblick auf die Schwere der Sprachentwicklungsstörung auf beide Gruppen zuzutreffen, wie zum Beispiel Probleme auf Seiten der Eltern und eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit; allerdings schien es hier der Interaktion von Geschlecht und erblicher Vorbelastung einerseits sowie Umweltfaktoren andererseits zu bedürfen, um bei bilingualen Kindern als Risikofaktoren zu Buche zu schlagen. Einige Risikofaktoren trafen speziell auf bilinguale Kinder zu, beispielsweise Eltern, die nach mehr als fünfjährigem Aufenthalt in Schweden Dolmetschhilfe benötigten.

Im Rahmen des linguistischen Teils des oben erwähnten Projekts beinhaltete die Definition des Sprachentwicklungsstörungsbegriffs, dass das Kind in beiden Sprachen eine SES aufwies, um zwischen Sprachentwicklungsstörung und mangelndem Kontakt mit der zweiten Sprache zu differenzieren. Infolgedessen wurde bei befriedigender Entwicklung in der Muttersprache eine grundsätzliche Sprachentwicklungsstörung ausgeschlossen. Dies setzt voraus, dass der Sprachtherapeut über entsprechende Informationen über die Sprachentwicklung und den gegenwärtigen Status in beiden Sprachen verfügt. Es besteht immer die Möglichkeit, mit Hilfe der Eltern eine informelle Beurteilung der muttersprachlichen Fähigkeiten vorzunehmen; um jedoch vergleichbare Ergebnisse zur grammatikalischen Entwicklung zu erhalten, ist eine theoretische Grundlage erforderlich. Sehr hilfreich ist hier die Processability Theory (Theorie der sprachlichen Verarbeitbarkeit) von Manfred Pienemann (Pienemann & Håkansson 1999). Der sprachübergreifende Ansatz dieser Theorie ermöglicht den Vergleich der grammatikalischen Entwicklung in zwei von der Typologie her unterschiedlichen Sprachen.

Da unter den in der Speech and Language Clinic des Universitätsklinikums MAS in Malmö behandelten bilingualen Kindern die schwedisch-arabischen Kinder bei weitem die größte Gruppe stellen, wurden die auf die Processability Theory gestützten Forschungsexperimente in Schwedisch und Arabisch entwickelt. Dies ermöglichte es, schwedisch-arabische bilinguale Kinder mit schwerer SES zu identifizieren. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die grammatikalischen Fähigkeiten bei Vorschulkindern mit schwerer SES in der gleichen üblichen Abfolge entwickelten wie bei Kindern ohne SES, wenn auch in erheblich langsamerem Tempo. Zudem schien bei ihnen die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit dem Schwedischen wie auch mit dem Arabischen nur begrenzt Kontakt hatten, größer zu sein. Kinder ohne SES wiesen von Anfang an ein hohes grammatikalisches Niveau im Arabischen auf. Nach zweijährigem Besuch einer schwedischen Vorschule zeigten die Kinder ohne SES auch im Schwedischen ein hohes grammatikalisches Niveau. Bei den meisten Kindern mit schwerer SES war dies nicht der Fall. Für die Beurteilung der Zweitsprache von bilingualen Kindern, bei denen der Verdacht einer SES besteht, könnte dieser begrenzte Zeitraum von zwei Jahren somit in klinischer Hinsicht signifikant sein (Håkansson, Salameh & Nettelbladt 2003; Salameh, Håkansson & Nettelbladt 2004). Weitere Versuche mit den genannten Tests zeigten vielversprechende Ergebnisse.

Auch die phonologische Entwicklung in beiden Sprachen wurde getestet und zeigte, dass die phonologische Entwicklung im Arabischen und im Schwedischen tendenziell bei allen Kindern vergleichbar mit der Entwicklung monolingualer Kinder in der jeweiligen Sprache verlief. Beide Gruppen arbeiteten in der frühen Phase des Schwedisch-Erwerbs mit syntagmatischen phonologischen Prozessen, d. h. sie vereinfachten die Aussprache durch Veränderung der phonotaktischen Struktur der Wörter (Nettelbladt 1983). Bei den Kindern mit schwerer SES wurden sowohl im Arabischen als auch im Schwedischen nach mehr als zwei Jahren des Kontakts mit der jeweiligen Sprache verschiedene syntagmatische Prozesse festgestellt, was bei den Kindern ohne SES nicht der Fall war (Salameh, Nettelbladt & Norlin 2003). Die Feststellung zahlreicher syntagmatischer Prozesse in der Muttersprache und in der Zweitsprache nach mehr als zwei Jahren Kontakt zur jeweiligen Sprache könnte sich ebenfalls als klinisch signifikant erweisen.

Angesichts der Unterschiedlichkeit der sprachlichen Fähigkeiten bilingualer und monolingualer Kinder stellt sich hier natürlich die wichtige Frage, ob es überhaupt möglich ist, bilinguale Kinder innerhalb eines monolingualen Rahmens zu testen. Auch das Code-Switching im Gespräch mit einer anderen bilingualen Person ist eine Fähigkeit bilingualer Menschen, die sich als klinisch interessant erweisen könnte. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass bilinguale Menschen, die regelmäßig zwischen zwei Sprachen hin- und herwechseln, beide Sprachen sehr gut beherrschen (Håkansson 2003). Bei Kindern mit SES funktioniert das Code-Switching in der Regel nicht, wenn sie ein Wort in einer Sprache nicht finden. Sie verstummen in diesem Fall, während bilinguale Kinder ohne SES in die andere Sprache wechseln.

Wird eine Therapie durchgeführt, ist es von äußerster Wichtigkeit, die Eltern zu involvieren. Hinsichtlich des Problems der Nicht-Teilnahme ist zu untersuchen, welche Rolle linguistische und kulturelle Faktoren spielen. Zurzeit wird eine Befragung schwedisch-arabischer Eltern durchgeführt, die die Behandlung abgeschlossen oder abgebrochen haben; bei der Befragung geht es um die Einstellung der Eltern zur sprachlichen Sozialisation und Sprachentwicklungsstörung sowie um die Frage, wie sie sich eine optimale Therapie für ihr Kind vorstellen. Zu Vergleichszwecken werden darüber hinaus monolinguale schwedische und arabische Eltern befragt, Letztere in Zusammenarbeit mit dem Aamal-Institut in Damaskus (Syrien). Hauptziel dieses Projektes ist es, die Voraussetzungen für eine kultursensitive Therapie zu schaffen, die von bilingualen Eltern bereitwillig akzeptiert und unterstützt wird. Erste vorläufige Ergebnisse zeigen, dass viele schwedisch-arabische Eltern eher wenig mit den Methoden vertraut sind, die helfen können, die sprachliche Entwicklung des Kindes zu fördern. Hierbei darf allerdings nicht vergessen werden, dass es außer kulturellen auch andere Gründe für Therapieabbrüche gibt. Statistiken des Aamal-Instituts in Damaskus zufolge wurde die Therapie bei fast 30 % der Kinder mit SES abgebrochen; eine Zahl, die mit den Zahlen in Schweden vergleichbar ist. Sprachtherapien für Kinder mit schwerer SES ist ein langsamer und arbeitsintensiver Prozess ohne schnelle und drastische Veränderungen, und viele Eltern möchten andere Mittel ausprobieren.

Um mehr schwedisch-arabische Eltern einzubinden, wurde in Malmö in Zusammenarbeit mit der nationalen Gesellschaft für Eltern von Kindern mit SES ein Netzwerk gegründet. Ziel ist es, Informationen in arabischer Sprache bereitzustellen und eine Möglichkeit zu bieten, sich mit anderen Eltern zu treffen. Die Treffen waren gut besucht, und viele Eltern haben hilfreiche Anregungen gegeben, wie eine kultursensitive Therapie aussehen könnte.

 

 

Literaturnachweis

 

Håkansson, G. (2003): Tvåspråkighet hos barn i Sverige. [Bilingualität bei in Schweden geborenen Kindern]. Lund: Studentlitteratur.

Håkansson, G., Salameh, E.-K. & Nettelbladt, U. (2003): Measuring language proficiency in bilingual children. Swedish-Arabic bilingual children with and without language impairment. Linguistics 41 (2), S. 255-288.

Nettelbladt, U. (1983): Developmental studies of dysphonology in children. Doctoral diss. Lund: Liber Läromedel.

Pienemann, M. & Håkansson, G. (1999): A unified approach towards the development of Swedish as L2: A Processability Account. Studies in Second Language Acquisition, 21, S. 383-420.

Salameh, E.-K., Nettelbladt, U., Håkansson, G. & Gullberg, B. (2002): Language impairment in Swedish bilingual children. A comparison between bilingual and monolingual children in Malmö. Acta Paediatrica 91, S. 229-234.

Salameh, E.-K., Nettelbladt, U. & Gullberg, B. (2002): Risk factors for language impairment in Swedish bilingual and monolingual children relative to severity. Acta Paediatrica 91, S. 1379-1384.

Salameh, E.-K., Nettelbladt, U. & Norlin, K. (2003): Assessing phonologies in bilingual Swedish-Arabic children with and without language impairment. Child Language Teaching and Therapy, 19(3), S. 338-365.

Salameh, E.-K., Håkansson, G. & Nettelbladt, U. (2004): Developmental perspectives on bilingual Swedish- Arabic children with and without language impairment: a longitudinal study. International Journal of Language and Communication Disorders,39, S. 65-93.